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Artikelserie zum Glasfaserwissen: Teil 4

Vom Kabel zur Glasfaser – eine verwickelte Geschichte und ihre Folgen

Bonn, 20. Dezember 2021:

„Mit Kabelanschluss mehr erleben“ – so warb die Deutsche Bundespost in den 1980er Jahren für den Anschluss westdeutscher Immobilien an ihr neues Netz. Es folgte eine verwickelte Geschichte, die Konsequenzen prägen den Markt noch heute. Es lohnt sich, diese Geschichte zu kennen.

Kabelfernsehen wurde erstmals 1932 eingespeist und startete in den 1970er Jahren so richtig durch: Das Kabel ermöglichte den Boom des Privatfernsehens und einer mächtigen Studio-Industrie, brachte legendäre Serien-Hits und Weltstars hervor… doch halt: Das war in den USA und Großbritannien. Deutschland erwies sich – ähnlich wie heute – als Spätzünder. Erst Mitte der Achtzigerjahre starteten erste Pilotprojekte, begleitet von allerlei industriepolitischen Forderungen diverser Lobbyorganisationen. So forderte die Elektroindustrie, mit Bau der Kabelnetze nicht allein die Deutsche Bundespost zu betrauen, sondern auch lokale Handwerksbetriebe einzubeziehen. Der damalige Postminister gab dem Druck nach: So wurden die überregionalen Verteilnetze durch die Post gebaut, die Hausverteilnetze – die sogenannte Netzebene 4 – dagegen durch Handwerksbetriebe. Was seinerzeit wie ein salomonisches Urteil wirkte, sollte sich später als Geburtsfehler des deutschen Kabelnetzes entpuppen, dessen Folgen das Marktgeschehen noch heute prägen.

Geburtsfehler des Kabelnetzes

In diese Zeit fällt eine weitere folgenschwere Idee: Um die Betriebe für den Bau der Hausverteilnetze zu motivieren, lockte der Bund mit einer Lizenz zum Gelddrucken. Denn die Mieter sollten ihre Kabelfernsehgebühren über den Vermieter per Umlage abführen – und das nicht nur, bis der Bau der Netze abgeschrieben war, sondern unbegrenzt, das heißt bis heute. Denn erst im Juni dieses Jahres hat der Bundestag das Aus für die Umlagefähigkeit der Kabelgebühren verkündet, wenn auch mit einer Übergangsfrist bis Mitte 2024. Seinerzeit störte sich kaum jemand an der Regelung, es gab schließlich anfangs keine echte Alternative zum Kabelanschluss. Diese tauchte dann erst in Form der Satellitenschüssel auf – und brachte die Elektrobetriebe auf eine lukrative Idee: Einige begannen, sich von der Signalzuführung durch die Bundespost abzunabeln, und holten die Fernsehprogramme per Satellitenschüssel vom Himmel, um sie in ihre Hausnetze einzuspeisen. So ließ sich noch viel mehr Geld verdienen. Jetzt zeigten sich Zerfallserscheinungen in der politisch gewollten Arbeitsteilung; das Netz zerlegte sich in einen Flickenteppich aus unterschiedlichen Betreibern mit unterschiedlichen Konzepten und Interessen.

Wildwest im deutschen Kabel

Als das Kabelnetz zum Ende der Neunzigerjahre für weitere Multimediadienste geöffnet wurde und sich nun neben Fernsehen auch Internet und Telefon über das Fernsehkabel übertragen ließen, stand Deutschland wieder im Abseits: Wie sollte man in diesem zersplitterten Netz Innovation schaffen? Die Politik – genauer gesagt die EU-Kommission – entschied: durch weitere Zersplitterung. Die 1995 aus der Bundespost hervorgegangene Deutsche Telekom musste ab 1999 ihre Kabelnetze in neun Regionalgesellschaften aufspalten und an einzelne Investoren verkaufen, die auf das große Geschäft mit dem Kabel-Internet hofften. Als Erstes ging 1999 mit dem nordrhein-westfälischen Netz das Filetstück an den amerikanischen Milliardär Dick Callahan. Der Mann aus Denver hatte beim Kauf der Kabelnetze jedoch nicht richtig hingesehen und fragte 2000 in einem Meeting in Köln: „Was ist eigentlich diese Netzebene 4, von der alle reden?“ Er wusste nicht, dass er nur einen Teil der Netze erworben hatte, und seine Kabel im Keller und nicht im Wohnzimmer endeten. Seine aus den USA eingeflogenen Techniker fielen wiederum aus allen Wolken, als sie erfuhren, dass die Kabelnetze in Deutschland nicht über Masten geführt werden, sondern tief in der Erde vergraben liegen.

Preiserhöhungen, Pleiten, Übernahmen

Es folgten drastische Preiserhöhungen, eine Umbenennung, eine spektakuläre Pannenserie und schließlich das Aus; das Unternehmen wurde von einem Bankenkonsortium und schließlich von Finanzinvestoren übernommen. Die hatten verstanden, dass sie die Betreiber der Netzebene 4 erst aufkaufen oder verdrängen mussten, um das Netz überhaupt für Internet, Telefon und Digital-TV nutzen zu können. So konnten sie es unter dem Namen Unitymedia später zum Rekordgewinn an den legendären amerikanischen Medienmogul und „Cable Cowboy“ John Malone aus Colorado verkaufen. In anderen Bundesländern verlief die Entwicklung ähnlich; die Verbraucher mussten immer wieder Namenswechsel, Preiserhöhungen, Übernahmen und Fusionen über sich ergehen lassen. Mieter- und Verbraucherschützer waren im Daueralarm. Inzwischen hat sich das Feld bereinigt: In Ostdeutschland ging Primacom aus einem Betreiber der Wohnungswirtschaft hervor, wurde 2016 jedoch von TeleColumbus geschluckt und in den Zungenbrecher PYUR umbenannt. „Cable Cowboy“ John Malone verkaufte 2018 Unitymedia für sagenhafte 18,4 Milliarden Euro an Vodafone. Die Briten hatten sich vorher schon Kabel Deutschland einverleibt und stiegen so zum bundesweiten Kabel-Platzhirsch auf – beinahe ein Monopol.

Seit einigen Jahren ist auch die Telekom wieder im Kabelgeschäft aktiv – und macht ihm zugleich aber auch Konkurrenz auf der Telefon-/DSL-Leitung: Sie startete mit „MagentaTV“ ein umfassendes TV-Programm über Internet (IP-TV). Der Verbraucher hat damit eine echte Alternative zum Kabelanschluss. Vor allem wenn er dank der TKG-Novelle nicht mehr gezwungen wird, den Kabelanschluss über die Mietnebenkosten zu bezahlen. So kommt der Wettbewerb wieder in Gang.

Die Telekom bietet der Wohnungswirtschaft an, vorhandene Kabelnetze mit ihrem Glasfaseranschluss weiter zu betreiben oder gleich alle Wohnungen mit Glasfaseranschluss zu modernisieren. Um den Ausbau zu beschleunigen, kooperiert sie mit den Netzebene-4-Betreibern ebenso wie mit regionalen Citynetzbetreibern. Sogar Vodafone, 1&1, 02 & Co. sollen vom Telekom-Glasfaserausbau profitieren: Die Telekom gewährt, wie vom Telefon-/DSL-Anschluss gewohnt, künftig anderen Providern Zugang. Bestehende Kupferdoppelader- und Kabelanschlüsse sollen nicht abgeschaltet werden – so stehen dem Mieter drei konkurrierende Infrastrukturen zur Auswahl.

Die Irrungen und Wirrungen des Kabelfernsehens sollen sich beim Glasfaserausbau nicht wiederholen. Auch deshalb setzt die Telekom darauf, ihre Wettbewerber lieber zu umarmen und in ihr Konzept zu integrieren. Denn eines soll nicht nochmal passieren: eine Zersplitterung des Netzes, das den Fortschritt in Deutschland behindert und dem Verbraucher schadet.

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